Der gefährliche Traumberuf
Podiumsdiskussion: Was ist der richtige Weg in den Profifußball? Experten zu Gast bei der SchwäPo
Für unzählige Jungs ist er ein Traumberuf: Profifußballer. Doch von denen, die es als Spieler in die Bundesliga-Stadien schaffen, scheitern viele im richtigen Leben danach. Was der beste Weg in den und im Profifußball ist, das haben Experten im Gutenberg-Casino der Schwäbischen Post diskutiert.
BERND MÜLLER
Steffen Lang betreibt derzeit Abi-Vorbereitung und Profifußball parallel.
Frieder Schrof: „Ein Berater muss finanziell unabhängig sein.“

Holger Held
Carl Trinkl
Christoph Discher
Werner Röhrich

„Wenn 50 Prozent der Profis nach der Karriere pleite sind, dann ist der Beruf des Profifußballers kein erstrebenswertes Ziel.“ Hätte Holger Held seine These absolut gesetzt, der Diskussionsabend über den Dächern von Aalen wäre vorüber gewesen ehe er begann. Aber Held („Ich bin Professor, also stelle ich Thesen auf“) wollte die Probleme zugespitzt auf den Punkt bringen. Es sei ein Traumberuf, Profifußballer zu sein, „aber ein sehr gefährlicher“. Kann man den Gefahren des Profilebens begegnen? Man kann, meint der Professor. Und SchwäPo-Sportchef Werner Röhrich machte sich auf die Suche nach dem richtigen Weg, im Gespräch mit VfB- Jungprofi Steffen Lang, VfB-Jugendleiter Frieder Schrof, dem KSK-Vorstandsvorsitzenden Carl Trinkl und Christoph Discher von der MDH-Fußballschule.
„Ein Stück Bescheidenheit“
Ob ein Profi langfristig erfolgreich ist, entscheidet sich neben dem Platz. Zum Beispiel im Umgang mit seinem Geld: Wichtig sei es, sich ein Stück Bescheidenheit zu erhalten, indem man weniger ausgibt als man könnte, sagt Carl Trinkl, der sich als Mitglied des VfB-Freundeskreises im Profifußball gut auskennt. „Denn, ganz ehrlich, selbst das dickste Auto wird irgendwann zur Normalität.“ Mit ausuferndem Luxusleben beginnen die problematischen „Karrieren“ derjenigen Profis, die irgendwann trotz ihres dicken Einkommens pleite sind. Und Trinkl fügt allen Ernstes hinzu: „Fußballer sollten gut aufpassen, dass man nicht an die falsche Frau gerät. Ich sage das ganz bewusst.“ Da gebe es auch im VfB-Kader zwei, drei mahnende Beispiele.
Wichtig ist auch die Auswahl des Spielerberaters, „da gibt es natürlich solche und solche“, meint Held, der wie Christoph Discher selbst lizenzierter Berater ist. Frieder Schrof, der die schwäbische Solidität beim VfB Stuttgart geradezu verkörpert, rät: „Suchen Sie einen Berater, der finanziell unabhängig ist.“ Denn Berater, die vor allem aufs Geld aus sind, versuchten statt einer sinnvollen Karriereplanung mit ihren Spielern möglichst viele Vereinswechsel zu organisieren. Und Christoph Discher fügt hinzu: „Es geht darum, ein ganzheitliches Konzept zu haben.“ Also einen Plan für die Karriere im Fußball, wo langsamer Aufbau am Ende erfolgreicher sein kann als ein zu früher Wechsel ins Ausland. Und einen Plan für die Zeit nach dem Fußball zu haben und schon dafür zu arbeiten. So wie es Steffen Lang, der U19-Nationalspieler aus Pflaumloch tut. Der 18-Jährige bereitet sich derzeit parallel zum Profileben auf sein Abitur vor. „Ich möchte eine gute Grundlage für mein späteres Berufsleben schaffen“, sagt Lang. Auch er hat seit zwei Jahren einen Berater, im früheren Bayern-Profi Ludwig Kögl hat er einen gefunden. Besser gesagt: umgekehrt. „Er hat sich bei meinen Eltern vorgestellt, und wir sind uns bald einig geworden“, erzählt der Jungprofi, der in der U23 des VfB Stuttgart spielt und auf den Tag hofft, an dem er zu den Bundesliga-Profis berufen wird.
Mit 14 Jahren zum VfB
Langs Weg zum Profifußball war ein mustergültiger, er ist mit 14 zum VfB gekommen, VfB-Scout Thomas Albeck hatte den damals für Nördlingen spielenden Lang bei einem Spiel mit der bayerischen Länderauswahl angesprochen. Zwischen 13 und 15 Jahren sei das richtige Alter, um beim VfB einzusteigen und fortan unter professionellen Bedingungen zu trainieren. „Es gibt Spieler, die noch später den Sprung von einem kleinen Verein ins Profilager schaffen, aber das sind Ausnahmen“, sagt Schrof. In der Regel schaffe man es nicht, wenn man in dem Alter nur dreimal in der Woche trainiere. Beim VfB sind sieben Trainingseinheiten in der Woche normal.
Ein Viertel wird jährlich ausgesiebt
Und der Leistungsdruck auch: „Aussieben“ ist ein hartes Wort, aber genau das wird beim VfB in jedem Jahr gemacht, „rund ein Viertel der Spieler schafft nicht den Sprung in die nächste Stufe“, so Schrof. Wobei man das nicht als Katastrophe sehen dürfe. „Die meisten Spieler und Eltern sagen danach, dass sie die Zeit beim VfB dennoch nicht missen möchten.“ Und manche Spieler verwirklichen trotzdem noch den Traum vom Profifußball. „Unser Manager Fredi Bobic ist ein Beispiel: Er war als Jugendspieler einfach zu klein, dann ist er über Ditzingen und die Stuttgarter Kickers irgendwann wieder zum VfB gekommen – und Nationalspieler geworden.“ Oder Patrick Mayer, der einst ebenfalls in der Jugend des VfB nicht weitergekommen ist, in diesem Sommer ist er vom FC Heidenheim zum Erstligisten Augsburg gewechselt.“ „Fußball ist nicht das allein selig machende“, sagt Frieder Schrof, und hat dabei noch etwas anderes im Blick. Die Schule sei genauso wichtig, weshalb sich beim VfB ein pädagogischer Leiter um die schulischen Leistungen der Jugendspieler kümmert. Denn das versuchen sie den jungen Leuten beim VfB auch beizubringen: dass man die Ausbildung nicht vernachlässigen darf. Diesen Gedanken auch später mit dem Profivertrag in der Tasche nicht außer Acht zu lassen, das ist für Holger Held ein ganz wichtiger Baustein des langfristigen Erfolgs. „Der Tagesablauf eines Profifußballers ist anstrengend. Aber ganz ehrlich: Ein paar Stündchen Zeit bleiben doch immer“, so Held. Und da müsse man sich überlegen, ob man sich lieber mit „Playstation, Fernseher oder Shoppen“ beschäftige oder doch an seiner Fortentwicklung arbeite.
Erst studiert, dann gewechselt
„Es ist stressig, ich habe eine große Eigenverantwortung“, sagt Lang über seine Abiturpläne. Eigenverantwortung, die zeige etwa VfB-Neuzugang William Kvist, nennt Held ein positives Beispiel. Der 26 Jahre alte Däne hat in seinem Heimatland neben dem Fußball Wirtschaftswissenschaften studiert. Im Mai war er fertig mit Studieren, dann hielt er die Zeit für reif, um ins Ausland zu wechseln.
Es gibt Leute im Fußballgeschäft, die nicht so viel Weitsicht aufbringen. Schrof kennt sich da aus: „Ich habe gerade erst den Fall erlebt, dass Chelsea London versucht hat, einen 13-jährigen Jugendspieler von uns abzuwerben.“
© Schwäbische Post 30.09.2011
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